Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ist aktuell wichtiger denn je. Umso erfreulicher ist es, wenn engagierte Menschen wie Dr. Markus Müller dazu beitragen, individuelle historische Schicksale vor dem Vergessen zu bewahren und demokratische Werte lebendig zu vermitteln.
Gleich doppelt standen vor diesem Hintergrund Ende Mai die Erinnerungsarbeit und das bürgerschaftliche Engagement im Mittelpunkt: Mit der Eröffnung der Ausstellung „Für jeden sichtbar …“ in der Verbandsgemeindeverwaltung Hachenburg sowie einer Spende aus dem Förderprogramm „evm-Ehrensache“ erhielt das Projekt „‘Vergessene‘ NS-Opfer im Westerwald“ wertvolle Unterstützung und öffentliche Aufmerksamkeit.
Die Energieversorgung Mittelrhein (evm) fördert mit ihrem Programm „evm-Ehrensache“ jedes Jahr kulturelle, soziale und gemeinnützige Initiativen in der Region. In diesem Jahr darf sich das Projekt „‘Vergessene‘ NS-Opfer im Westerwald“ über eine Spende in Höhe von 3.000 Euro freuen. Gemeinsam mit Bürgermeisterin Gabriele Greis überreichte evm-Kommunalbetreuer Norbert Rausch den Förderbetrag an die Verantwortlichen des Projekts, das von Dr. Markus Müller, Deutsch- und Geschichtslehrer, gemeinsam mit seinen Schülerinnen und Schülern des Mons-Tabor-Gymnasiums Montabaur, ins Leben gerufen wurde.
Im Mittelpunkt des Projekts steht die wissenschaftliche Aufarbeitung von Biografien von Menschen aus dem Westerwald, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Durch jahrelange ehrenamtliche Forschungsarbeit konnten inzwischen in rund 83 Prozent der Gemeinden des Westerwaldkreises entsprechende Schicksale dokumentiert werden. Allein in 29 der 33 Ortsgemeinden der Verbandsgemeinde Hachenburg sind Fälle nationalsozialistischer Verfolgung nachgewiesen.
„Geschichte wird erst dann wirklich begreifbar, wenn sie Gesichter bekommt. Das Projekt ‘Vergessene‘ NS-Opfer im Westerwald macht genau das: Es holt die Schicksale verfolgter Menschen aus der Anonymität und rückt sie in das Bewusstsein unserer Gesellschaft. Die Schülerinnen und Schüler leisten gemeinsam mit Dr. Markus Müller eine beeindruckende Arbeit, die Erinnerung bewahrt, Verantwortung vermittelt und unsere demokratische Kultur stärkt. Dass dieses Engagement durch die evm unterstützt wird, hat außergewöhnliche Bedeutung für die historische Bildungsarbeit vor Ort“, betonte Bürgermeisterin Gabriele Greis.
Ein sichtbares Ergebnis dieser Arbeit wurde am 29. Mai mit der Eröffnung der Ausstellung „Für jeden sichtbar …“ im Foyer der Verbandsgemeindeverwaltung vorgestellt. Die Ausstellung der Gedenkstätte KZ Osthofen beleuchtet auf 18 Bannern Orte nationalsozialistischer Verfolgung im heutigen Rheinland-Pfalz und ergänzt damit die internationale Ausstellung „Einige waren Nachbarn“ des United States Holocaust Memorial Museum in Washington.
Bei der Eröffnungsveranstaltung berichteten Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe über ihre Forschungsarbeiten und die Entwicklung verschiedener Erinnerungsprojekte. Viele der daraus entstandenen Gedenkorte wurden bereits realisiert oder durch kommunale Gremien beschlossen.
Im Anschluss stellte Dr. Markus Müller das bewegende Schicksal des aus seinem Heimatort Nister stammenden August Schäfer III vor. Der als „arbeitsscheu“ diffamierte Westerwälder überlebte die Konzentrationslager Buchenwald und Flossenbürg sowie das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Seine Biografie zählt mittlerweile zu den bekanntesten dokumentierten Verfolgungsschicksalen in Rheinland-Pfalz.
Ergänzt wurde die Ausstellung durch von Schülerinnen und Schülern entwickelte Roll-Ups, die weitere regionale Lebensgeschichten in den Mittelpunkt rücken. Sie erinnern an den Auschwitz-Überlebenden August Schäfer III aus Nister, den katholischen Bezirksjungscharführer Franz Kleck aus Merkelbach, den Zeugen Jehovas Louis Pfeifer aus Bad Marienberg sowie den wegen Fahnenflucht hingerichteten Herbert Lamboy aus Irmtraut.
Die Ausstellung machte eindrucksvoll deutlich, dass die nationalsozialistische Verfolgung kein fernes Kapitel der Geschichte ist, sondern auch zahlreiche Spuren in den Gemeinden des Hachenburger Westerwaldes hinterlassen hat. Durch die Verbindung von historischer Forschung, schulischem Engagement und öffentlicher Erinnerungskultur gelingt es dem Projekt „‘Vergessene‘ NS-Opfer im Westerwald“, diese Geschichten dauerhaft im Bewusstsein der Menschen zu verankern.
